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"Abfall ist Nahrung" - Michael Braungart

 

Michael Braungart und sein „müllfreies“ Recyclingsystem
„Cradle to Cradle“


„Intelligente Verschwendung“ bedeutet für den Chemiker Prof. Dr. Michael Braungart Produkte zu schaffen, die in technischen oder biologischen Kreisläufen immer wieder neu zirkulieren. 2002 hat er gemeinsam mit dem Architekten William McDonough erstmals seine Ideen in Buchform publiziert. Mittlerweile berät Braungart weltweit namhafte Firmen in ihrem Bestreben, sowohl ökologisch als auch ökonomisch erfolgreich zu produzieren.

Wer Michael Braungart gegenübersitzt, merkt schnell, dass er es mit einem freundlichen, aber auch etwas unruhigen Gesprächspartner zu tun hat. Braungart ist ein schneller Denker, Zahlen und Zusammenhänge kommen bei ihm mitunter wie aus der Pistole geschossen. Während des Treffens in der DB Lounge verblüfft er dadurch, dass er die Abfahrtszeiten der nächsten Züge von Hamburg nach Berlin pfeilschnell und einwandfrei memoriert. Kein Wunder, Braungart ist gegenwärtig auf Bahnhöfen und Flughäfen fast schon zuhause. Überall in der Welt berät er Firmen und Politiker und überzeugt immer mehr Kunden von seinen Ideen.

 

Vom Schornstein-Besetzer zum Berater großer Unternehmen

Vor ungefähr 20 Jahren war Braungart noch Teil der Greenpeace-Bewegung. Damals, 1986, hatte er gemeinsam mit Gleichgesinnten einen Schornstein des Schweizer Chemieunternehmens Ciba-Geigy besetzt. Er war 28 Jahre alt, hatte in München, Konstanz, Darmstadt und Zürich Chemie studiert und 1978 eine eigene Umweltinitiative gegründet, die später in die Partei der Grünen aufgehen sollte.

1986 war bei Sandoz in einer riesigen Lagerhalle ein Feuer ausgebrochen. Der Brand wurde mit giftigen Chemikalien gelöscht, die anschließend in den Rhein geleitet wurden. Die Werksleitung beschenkte die Aktivisten nach der zweitägigen Besetzung nicht nur mit Blumen und lud die durchgefrorenen Demonstranten auf eine wärmende Suppe ein, sondern bot auch an, in einen Dialog über den Umgang mit der Natur mit ihnen zu treten. Braungart ging darauf ein und lernte einige Zeit später den Vorstandsvorsitzenden Alexander Krauer kennen, der ihm wichtige Tipps bei der Gründung seines eigenen Beratungsunternehmens EPEA (Environmental Protection Encouragement Agency) gab und den jungen Chemiker mit ersten Aufträgen versorgte.

 

Effektives Recycling

Ebenso wichtig war für Braungart 1991 die Begegnung mit dem US-amerikanischen Architekten William McDonough: Beide tauschten sich während eines Empfangs über den Dächern von New York angeregt über ihre Vorstellungen einer vollkommen revolutionierten industriellen Produktion aus. Schnell wurde dem Analytiker Braungart und dem Pragmatiker McDonough klar, welches Synergiepotenzial ihnen eine Zusammenarbeit eröffnen würde. Den Meilenstein ihrer gemeinsamen Arbeit stellt die Theorie der Produktion nach dem Prinzip „Cradle to Cradle“ (Von der Wiege zur Wiege) dar. Braungart und McDonough wollen den Weg für Produkte ebnen, die in technischen oder biologischen Kreisläufen immer wieder neu zirkulieren. Statt als Abfall auf der Deponie zu landen, bleiben Nähr- und Rohstoffe so Teile eines intelligenten, höchst effektiven Recycling-Systems – mit positiven Aspekten für Umwelt und Gesundheit.

Braungart glaubt, dass die Zeit reif ist für eine zweite industrielle Revolution, die das zyklische Prinzip der Natur verinnerlicht und auf Produkte und Verfahren anwendet. Abfall und Verpackungen ließen dann nicht die Müllberge immer weiter anwachsen, sondern sich letztlich in Nährstoffe verwandeln.

Ein erstes Beispiel für eine derart richtungsweisende Produktion war der mehrfach ausgezeichnete Mirra-Bürostuhl, den der amerikanische Büromöbelhersteller Herman Miller 2003 auf dem Markt brachte – ein Arbeitsstuhl, der schnell zerlegbar und zu 96 Prozent recycelbar ist und keine toxischen Materialien enthält.

 

Eine Messe für Deutschland

2002 formulierten Braungart und McDonough ihre Ideen in Cradle to Cradle: Remaking the way we think – das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt und wurde vor allem in den Niederlanden und den USA ein Riesenerfolg. Niemand geringerer als Steven Spielberg interessierte sich für den Stoff – nur in Deutschland konnte Braungart, der mit der SPD-Politikerin Monika Griefahn verheiratet ist, kaum die erhoffte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auch um diesen Zustand zu beenden, richtete er mit seiner Firma EPEA im Herbst 2008 in Frankfurt die Messe Nutec aus. Passend dazu präsentierten die beiden Öko-Vordenker ihr neues Buch Die nächste industrielle Revolution, in dem die Autoren in einem theoretischen Teil ihren Ansatz in einer Art Manifest darlegen, und im zweiten Teil eine Vielzahl von Unternehmen vorstellen, die bereits nach dem „Cradle to Cradle“-Prinzip produzieren.

Braungart, der in seiner Argumentation gerne auf Beispiele aus dem Tierreich zurückgreift, fragt sich, warum wir uns eigentlich nicht längst die Ameisen zum Vorbild nehmen: Die nämlich verbrauchen keine Nährstoffe, sondern nutzen diese auf eine Art und Weise, dass andere Lebewesen ebenfalls davon profitieren.

An Deutschland stört Braungart die bloß bewahrende Romantik, die immer noch tief im deutschen Denken verwurzelt sei. Mit der gigantischen „Wiederaufforstungsaktion“, aus der unter anderem der Schwarzwald hervorging, begann für Braungart eine Verklärung der Natur, die fortan in den schönsten Farben beschrieben und besungen aber dabei bestenfalls als erhaltenswert, aber nie als kreativ formbar begriffen wurde.

Ganz andere Voraussetzungen sieht Braungart etwa in den Niederlanden: „Hier begreift man sehr schnell unsere Ideen, da in den Niederlanden die Natur nichts ist, das man romantisieren würde“, mit dem man aber kreativ zusammenarbeiten kann und muss – etwa um sich gegen Überschwemmungen zu wappnen. „Die Natur hat hier nicht das Image einer archaischen Schönheit, sondern unterliegt seit jeher dem menschlichen Formwillen und der Kreativität.“ Dabei hängt Braungart insgeheim selbst der vielleicht romantischsten aller Ideen an – der Idee, diesen Planeten zu retten. "


Quelle: http://www.goethe.de/ges/umw/thm/ere/de4111782.htm

 

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